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"DIE BOTSCHAFTEN DER MEDIEN"

oder:
Ein paar Akkorde Kommunikationswissenschaft
für Kunstliebhaber und Kunstarbeiter


"Ich warte darauf,
Gott im Fernsehen zu sehen."

(Lawrence Ferlinghetti)


Als Titel und Slogan eine Banalität, aber inhaltlich von den meisten Kulturtheoretikern und Kunstschaffenden bis heute viel zu verkürzt, wenn überhaupt verstanden ist die luzide These des Medientheoretikers McLuhan, die dem Medium selbst Botschaftsqualitäten zuschrieb. Und so wie bis heute erst etwa die Hälfte aller Pysiker in der Lage ist, Einsteins Relativitätstheorie zu verstehen, so ist bis heute keine Handvoll "Kunstsachverständiger" in der Lage, die Implikationen von McLuhans Theorie nachzuvollziehen, geschweige denn, ihre wesentlichen Aussagen auf die bildende Kunst zu übertragen. Da wird immer noch vom "Ende der Malerei" theoretisiert, ohne daß einer begriffen hätte, was (mit und nach McLuhan) das Wesen des Mediums Malerei ausmacht. Da wird vom Ende der Kunst orakelt, ohne daß einer überhaupt (mit oder ohne McLuhan) einen aussagefähigen Kunstbegriff zu definieren in der Lage wäre.

McLuhan für Landwirte: das Medium ist die Botschaft; in jeder Dimension dieser Aussage. Ein Medium ist also nicht bloßer Träger einer Information oder eines Kommunikationsgefüges, sondern ist selbst ein semiotisches Gefüge, das bereits, durch seine eigene Existenz, eine bestimmte Kultur erstellt, selbst Inhalte transportiert und Kommunikation erzeugt. Eine Zeitschrift ist eine Zeitschrift (und nicht "Kunst" oder "Information pur" und wie der Stuß sonst noch lautet, der sich gelegentlich um Kenntnisnahme bemüht), ein Flugblatt ein Flugblatt, ein Fernsehgerät ein Fernsehgerät, und ein Gemälde ein Gemälde. Und sonst (erstmal) nichts (anderes). Mit diesen Medien ist bereits eine Realität geschaffen, ein semiotisches und damit kommunikatives Gefüge erstellt, ein ganzes Set von Informationen und Inhalten vermittelt - noch bevor die Zeitschrift betrachtet, der Apparat angeschaltet, das Flugblatt entfaltet, das Gemälde von vorne gesehen wurde. Und das, was diese Medien dann inhaltlich, vermittelnd "sagen" oder "zeigen", trifft somit, selbst wenn alle "vom selben sprechen", vermeintlich "dasselbe" sagen oder zeigen, auf völlig unterschiedliche, von ihnen selbst erstellte Dispositionen - und haben sämtlich völlig verschiedene Botschaften und Kommunikationswirkungen, entsprechend dem medialen Kontext, den ihre Realität schafft, und den durch die Qualitäten ihrer Gattung, ihre mediale Kommunikation beim Rezipienten erstellten und konditionierten Perzeptionsstrukturen.

Die Kunst hat also nicht einmal, wie von Picasso noch irrtümlich angenommen werden konnte, die Funktion des darstellenden Realismus an die Fotografie abgetreten: Ein und dasselbe Bild einer Landschaft, eines Menschen, fotografiert oder gemalt, sind eben, da das Medium ja bereits ein Botschaftsgefüge ist, zwei gänzlich verschiedene Botschaften - unabhängig vom transportierten Bild, und noch vor Berücksichtigung und Zurkenntnisnahme jeglichen dargestellten Inhalts.

Das eine, die Fotografie, sagt: Ich zeige dir eine Landschaft, nimm sie als Information einer Realität zur Kenntnis, beachte das Geschick des Fotografen, den Bruchteil einer Sekunde Zeit aus der dich umgebenden realen Welt in ihrem Ablauf zu fixieren, und ordne das Foto ein in die Reihe der anderen Fotodokumente, die dir heute vielleicht schon Informationen vermitteln wollten und vielleicht noch werden, und in die in deinem Gedächtnis nach verschiedenen Kategorien bereits gespeicherten. Das andere, die Malerei, sagt: Ich zeige dir eine Landschaft, nimm dir die Zeit und meditiere ihre Komposition, die handwerkliche Arbeitsweise des Künstlers, ihre Farben, ihre Strukturen, ihre Bedeutung, folge den Linien und dem Charakter seiner Nach-Schöpfung, er hat mit seinem Pinsel die geistige Bedeutung, die geistige Wahrnehmung des Gesehenen, so wie er sie wahrgenommen hat, skizziert, herausgeschält, betont und nachgearbeitet, also lasse das Bild geistig, als Kommentierung des Gezeigten auf dich wirken, nicht dokumentarisch wie die Fotografie.

Und dies sind alles erst die Botschaften der Medien - auf das wahrnehmbare Bild selbst sind wir noch garnicht zu sprechen gekommen.

Ob etwa eine Zeitschrift, ein Bildschirm, eine Radiostimme oder ein Gemälde mir die Atomexplosionen in den Atollen Polynesiens "mitteilt" und "vor Augen führt" ist nicht etwa bedeutungslos oder von untergeordnetem Wert und Interesse. Im Gegenteil: Das Medium ist die Botschaft, die ich empfange und zu der ich innerlich Stellung nehme, und nicht das mitgeteilte "Faktum eines Ereignisses", das ja in allen vier Beispielmedien dasselbe ist. Dieses (nur fiktive und hypothetische) "Faktum eines Ereignisses" ist ein Abstraktum, das erst durch die "Botschaft des Mediums" zu einem faktischen Ereignis wird, mit allen den Qualitäten, mit denen das Medium das Ereignis ausstattet. Genauer: Das Medium diktiert den Kontext, die Ebene und die Qualitäten sowohl des Faktums selbst als auch der Perzeption jeglicher Inhalte durch den Rezipienten - durch die "Botschaft" seines eigenen, medial-semiotischen Qualitäts-, also Kommunikationsgefüges.

Die Radioinformation wird in mir bekannte Bilder von in die Atmosphäre schießenden Atompilzen evozieren, die mich zutiefst schockieren, ruft also durch ihre abstrakt-sprachliche Kommunikationsübermittlung zur Ergänzung die in meinem Gedächtnis gespeicherten, themenrelevanten Bilder und Zusatz"informationen" ab, die die akustische "Mitteilung" nicht transportieren kann, und ich werde die Energie der Schockerregung bändigen, um mir zunächst "mehr" "Informationen", sprich: bebilderte, zu beschaffen, ehe ich überlege, welche Handlungsweise und Haltung für mich die angemessene Reaktion auf diese "Nachricht" sein wird.

Das Fernsehbild wird mir den Sekundenakt der Atomexplosion vermutlich mehrmals zeigen müssen, und die Tatsache, daß bei dieser Art Nuklearversuch das Grauen "unter der Oberfläche" bleibt und alle meine gespeicherten Symbolbilder von atomaren Katastrophen weitgehend unberührt läßt, wird meine emotionalen Reaktionen schnell begrenzen und den Vorgang rational in den Gedächtnishaushalt der Fernsehnachrichtenbilder einordnen, die im Bereich "Tagesinformationen aus aller Welt" und unter dem Vernunftlabel "Wichtig! Im Bewußtsein halten!" gespeichert und geführt werden. Das Medium wird mir eine vermeintlich "objektive Information" geliefert haben, die, auch wenn sie unvollständig scheint und trotz Erläuterungen der Vorgänge "unter der Oberfläche" rational ergänzungsbedürftig bleibt, von mir als solche empfangen und behandelt wird: als Mosaikstein im inneren Ereignispuzzle, das mein vermeintlich reales Weltbild repräsentiert und doch nur mein Medienwelt-Bild, in diesem Fall das fernsehselektierte und -strukturierte, darstellt.

Die Zeitung, die mich im Unterschied zu den flüchtigen akustischen und visuellen Medien Radio und Fernsehen mit einem materiellen, "beweisfähigen Beleg" der Nachricht auszustatten hätte, brüllt mir mit semiotischer 60-Punkt-Lautstärke "Atomexplosion" in die Augen und unterstreicht im Mosaikverwaltungszentrum meines Bewußtseins mit dicken Druckerschwärzebalken die Bewertung "Wichtig!", die ich dem Ereignis bereits zugewiesen habe, verzichtet aber auf den Abdruck von Bildern, da es nach den Prinzipien des Berichtsjournalismus als müßig betrachtet wird, bei einer Leiche im Keller, dessen Falltür von einem Teppich bedeckt ist, den Teppich zu fotografieren - Fakten nur dargestellt werden, wenn sie sich, sinnlich relevant, auch so darstellen lassen. Stattdessen wird mir in Bildern der Protest von Menschen vor Augen geführt, die Atomexplosion selbst zu einem bereits als historisch eingestuften (mithin nicht mehr angreifbaren) "trigger fact" degradiert - mir als aktuelle "Information" von Interesse nur Haltungen und Stellungnahmen anderer Menschen zur Identifikation angeboten. Nicht zum eigentlichen "Ereignis" werde ich durch das Medium und seine Form der Themenpräsentation mehr "befragt" und zur Bezugnahme aufgefordert, sondern nur noch zu Formen der Bezugnahme durch andere: zu dargestellten Formen des Protests beziehungsweise der Duldung oder Zustimmung.

Das "Ereignis" der Atomexplosion ist also, bevor die erste Stufe richtig geleistet wurde, durch die Art der Reportage bereits in die zweite mediale Vermittlungsstufe überführt worden, hat bereits die Form der zweiten Informations-"Ersatzwährung" angenommen, die ihm mittlerweile jede direkte Anschauung, jede Unmittelbarkeit in seinem Wirkungspotential auf mich geraubt hat: Meine Befragung findet nur noch zu Antworten auf Befragungen anderer statt, nicht mehr durch das Ereignis selbst. Die Schnellebigkeit der medienspezifischen Botschaftscharakteristik hat die eigentlichen Ereignisinhalte bereits überholt und entsorgt, noch ehe sie in meinem Bewußtsein richtig aufgenommen und verarbeitet sein können - entsprechend flüchtig wird dann auch seine Nachhaltigkeit im Bewußtsein sein. (Das eigentliche Währungsgold der Münze ist bereits in weite Ferne gerückt, wenn die zweite Stufe der Ersatzwährung kursiert, im Bereich der medialen Informationsvermittlung ebenso wie im monetären Alltag: Wenn Geldscheine, die bereits als Ersatz für die eigentlichen Goldmünzen dienen, ihrerseits durch Schecks ersetzt werden, und, in der nächsten, dritten Ersatzstufe, diese durch Plastikkarten, mit denen man Schecks kaufen kann, die man gegen Geldscheine eintauscht, die als Ersatz für Goldmünzen im Gebrauch sind, um mit ihnen Waren zu kaufen. Aber was im monetären Alltag noch funktioniert, nämlich den faktischen Kaufwert durch alle Ersatzstufen hindurch zu erhalten, funktioniert im Kommunikations- und Bewußtseinshaushalt nur noch bedingt bis überhaupt nicht mehr: die Ersatzwährungen medialer Informationsvermittlungen entfernen uns mit jeder weiteren Stufe nur immer weiter von der eigentlichen Information des Ereignisses und ihrem Wert zur Bewußtseinsbildung.)

Ein Gemälde der Atomexplosion hingegen ist dem semiotischen Kontext von "aktueller" oder gar "vermittelter", also vergänglicher Information und Aussage völlig fremd und entzogen, es vermittelt als Medium eine ganz andere Botschaft: nämlich die der zeitlosen, geistigen und damit besinnlich-meditativen, dem Kontext des fluktuierenden Werden-und-Vergehens "aktueller" Berichterstattung entzogenen philosophisch-digestiven Anschauung. Hier ist die Kette der aktuellen Ereignisse ausgesetzt, hier wird Geist ausgestellt - in welcher formalen und thematischen Spezifikation und Konkretisierung, auf welcher Höhe auch immer -, hier hat das Ziffernblatt am Puls des Weltgeschehens plötzlich keine Zeiger mehr, hier ist die Botschaft des Mediums: Betrachte die Welt, die Wirklichkeit, den Ausschnitt davon, den ich dir zeige, mit den Augen des Geistes, des Verstandes, der geistigen Durchdringung des Gegenstandes - das ganze Universum deines Bewußtseins im Spiegel dieses Bildes, verdichtet in dieser Vision. Sein Thema, sein Rahmen und Ausschnitt wollen dir Zugang sein zu einem höheren Verständnis des Gezeigten, die Erweiterung deines sonst von belanglosen Ereignisfolgen des täglichen Realgeschehens und seiner Bebilderung so gehetzten Bewußtseins, und ich entlasse dich erst wieder in die Zeit, in den endlosen Strom der aktuellen mediellen, banal-tatsächlichen Ereignis- und Bilderfolgen, wenn du dieses eine für dich verstanden, in seiner zeitlosen Bedeutung und philosophischen Implikation erfaßt hast, wenn du um dieses eine weiser und verstehender in die Welt der rotierenden Zeiger und Filmspulen und Räder und Rolltreppen und Schriftbänder zurückkehren kannst. Ich halte für dich die Zeit und Weltkugel an, damit du einen endlos langen, dauerhaften Blick auf sie werfen und sie verstehen lernen kannst, bevor deine Füße sie wieder in Bewegung und Rotation versetzen, und dieser Stillstand befreit deinen Geist ein wenig von seinen Fesseln, hebt ihn für einen zeitlos langen Augenblick über den Horizont des konkreten Alltags hinaus in unvergänglichere Höhen, von denen aus sich alles klarer sehen und verstehen läßt. Das Medium ist die Botschaft.

Ebenso, ohne auch nur den Versuch zu machen, ein umfassendes Thema in illegitimer Kürze abhandeln zu wollen, verhält es sich mit den elektronischen Medien, den virtuellen und flüchtigen Bildschirm-Realitäten, usw., in ihrem Bezug zu den "klassischen" Medien der bildenden Künste, also auch der Malerei. Die einen können die anderen niemals verdrängen oder gar ersetzen oder "überholen". Sie sind sich nicht einmal konkurrent.

Die Kunst muß wieder Visionen vermitteln. Aber ohne Visionäre keine Visionen - und die potentiellen Visionäre sind längst in der zeitgenössischen Kunst-Theorie und -Apathie untergegangen, ertrunken, erstickt. Onanie, l'art por l'art, inhaltsleere Selbstbespiegelung oder ameisenhafte "Erforschungen" von Nichtigkeiten ohne objektive Relevanz haben die Mythen, die Visionen, die Ideale ersetzt, für die es sich früher lohnte, zu leben und zu schaffen. Erstickt und ertrunken in der Jauche anämischer, perspektiven- und orientierungsloser Kunsttheoretiker und -händler und ignoranter beamteter Kulturpfleger mit geistigen Horizonten, deren Radius gegen Null tendiert, die sich ein synthetisches Aktions- und Marktfeld geschaffen haben, das von und mit "Kunst" und "Kultur" zu handeln vorgibt und doch nur "Produkte" verschiebt, bedeutungslos und pseudo-bedeutend wie Handies, Buchstützen, Modeuhren und Halstücher: die Ralleystreifen einer entidealisierten, desubstantiierten Kultur, die sich noch als solche mißversteht.

Die Kunst muß wieder gefährlich werden - muß wieder von den Mißständen, überholten und fehlentwickelten Strukturen der Gesellschaften menschlichen Lebens auf diesem Planeten handeln, von den selbstgerechten Ungerechtigkeiten, den banalisierten Mißständen und Ungeheuerlichkeiten, den vielen "silent agreements" einer saturierten Lebensnorm, muß von diesen wieder als Bedrohung und Provokation empfunden und erlebt werden - ob nun in Form von vordergründig "kritischer" Bezugnahme oder durch Formulierung wahrer Poesie, einer Mensch und Welt, Zivilisation und Kosmos, Kultur und Natur in positiver Alternative und Utopie versöhnenden Vision. Beide Spielarten von Kunst sind für Defizite und Mißstände der real existierenden Lebenswelten und ihre falschen Werte gleichermaßen gefährlich, weil sie sie übersteigen, statt nur zu dekorieren. Kunst muß wieder erlebt werden - also zum Leben verhelfen.

Dann erst wird sie sich, über die Funktion eines für die Mißstände affirmativen Freiraums oder des "kultivierten" Schmucks privater und öffentlicher Räume und der damit verbundenen Vignettierung von Häßlichkeit und Elend hinaus, wieder als kulturbildend legitimiert haben.

Hätte erst einmal ein fundiertes Verständnis von McLuhans Thesen Eingang in die Köpfe und Horizonte der aktuellen Kunsttheorie gefunden, so stünden wir schnell am Anfang einer neuen Renaissance, und die irrelevanten, aber umsatzträchtigen Ergüsse der theoretisierenden Totengräber der "Kunst" ihres Vermeinens, ihre Abgesänge und Suchgebärden und formalästhetischen Begriffssynthetisierungen, die nichts ausstellen als die Unfähigkeit ihrer Urheber, richtig zu denken, wären schnell selbst beerdigt - unter den schönsten, weltwürdig skulptierten und bemalten Grabsteinen.


(1995)