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N.A. EICHLER N E U E S V O M R A U M S C H I F F E R D E Eine Textoper in 7 Klangbildern * * * * * Inhalt 1. LICHTWIESEN & AUGENWEIDEN 2. BOTSCHAFT AUS DEM ALL 3. DER GROSSE SUMMENDE GOTT 4. LEBEN IM STAHL-GLAS-PARADIES 5. KULTUR DER KULTE 6. ALLES KLAR ZUR APOKALYPSE 7. IM MORGENROT DER NEUEN ZEIT * * * * * 1. Gesang LICHTWIESEN & AUGENWEIDEN 1 Aus den leuchtenden Tiefen des Universums, aus zeitlosen Räumen und lautlosen Träumen, aus unendlichen Weiten und ewigen Zeiten dringt sanft, mit leiser, beständiger Urgewalt eine Botschaft in unser Denken, unser inneres Ohr, dringt ein und will nicht mehr weichen: Das All, unergründlich strahlende Sternenheimat, kosmische Sehnsucht der Erwachenden hier und dort und überall auf diesem alten Sonnentrabanten, erwartet die Heimkehr seiner planetarischen Kinder... 2 Aus Milliarden Galaxien kommen sie jetzt, aus Milchstraßen und Sternennebeln, aus Sonnensystemen und Umlaufbahnen, brechen auf, streben einzeln oder Hand in Hand der Vater-Mutter-Sonne zu, die vollendet und schön und unverändert im beständigen Wandel der Gestirne und Monde und Planeten ihr Licht bis in die fernsten Winkel strahlt, seit Jahrmillionen, durch Zeiten und Weiten, durch unbekannte und vertraute Dimensionen. Siehst du den endlosen Reigen kosmischer Tänzer auf den galaktischen Bühnen des Lebens ? Sterne wie Sand, die erblühen und leuchten und verglühen im Samtblau der ewigen, unberechneten Nacht. Laden dich ein zum Besuch in längst vergessenen Gärten, zum Bleiben... 3 Kein Schleier, kein Geheimnis verhüllt die schillernde Schönheit, kein Schatten bedeckt die kosmische Wirklichkeit. Komm und tanz mit in den blauen Gärten, festlich geschmückt mit Leuchtketten und lila Lampions, auf Lichtwiesen, durch Täler, über Hügel, unter tausend Sonnen, eingewebt im transzendenten Teppich, der Raum und Zeit überzieht. Siehst du die farbigen Flüsse und Seen, die heute Nacht deinem Gedächtnis entspringen ? Erinnerst du dich deiner Herkunft, der goldenen, unbegrenzten Straßen aus Licht, der wasserhellen Bäche, die eines Menschen Ungeschick nie trübte ? 4 Komm mit! Ich schenke dir ein Venus-Diadem, ein Mondstein-Medaillon und einen Kelch aus Meteor-Kristall, aus dem wir Wein und Honig trinken, an Quellen wo die Götter einst Rast machten auf dem Weg zur Sonnenstadt. Keine galaktischen Stürme, kein peitschender Kometenschweif sollen dich berühren, dir ein Leid zufügen auf der Reise zu dir selbst. Ungeträumte Engel mit gläsernen Flügeln, Lichthaar und diamantenen Augen behüten und begleiten dich, bereiten dich ... 5 "Das Paradies", mit funkelnden Bäumen und Wiesen aus Licht, mit Kräutern und Sträuchern,an denen reines Wissen wächst, mit Tälern voll Honig und Straßen aus kühler Milch, mit Hügeln aus Musik und Blumen wie Sonnen, erwartet dich zurück aus den Irrgärten der Welt, dem Spiegelkabinett deines Gedächtnisses... * * * * * 2. Gesang BOTSCHAFT AUS DEM ALL 1 Gedanken wie Sonnen, Gefühle wie Sterne in ewigen Landschaften aus Licht. Und doch nur Erinnerungsnebel in den Köpfen der Schläfer. Zu lange schon, viel zu lange leben sie ihren tödlichen Traum, gefangen in Regeln und Lügen und Hilfswirklichkeiten, geblendet von Stahl und Fortschritt und Profitmaximierung, blind und taub für die Botschaft vom Paradies. In den eigenen Schatten geschnallt, kennen sie sich selbst nicht mehr. Knechte ihrer fünf niederen Sinne sehen, riechen, fühlen, hören, schmecken, ahnen sie nichts. Verwoben in Dogmen und Mythen und Glaubensbekenntnissen einer längst vergangenen Zeit, verirrt in kleinkleinen Hintergedanken und selbsterzeugten Nebengeräuschen. Wie sind sie nur, wie sind sie nur. 2 Galaktische Botschaften, kosmisch kodiert, aus der sprachlosen Ruhe des Raums, erreichen eine sterbende Menschheit. Sie sagen ihr absolut nichts. Botschaften von Lachen und Liebe und lichtvollem Leben - und eine Generation, ertränkt in Zweifel und Lärm und akuter Apathie. Botschaften, leicht lesbar, von Frieden und kosmischer Harmonie - und eine Generation rastlos rotierender Menschen, mit vermüllten Augen und verminten Hirnen, verweigert die Entschlüsselung im Vertrauen auf Einmaleins und alphabetische Reihenfolgen. Verwirrt von Ursachen und Wirkungen und Nebenwirkungen, zählt sie die Wahrscheinlichkeit kosmischen Lebens an ihren fünf Fingern ab. 3 Und doch ist ein Gerücht entstanden auf diesem alten Sonnentrabanten, das Gerücht von Raumfahrt und Menschenmacht und stellarer Herrschaft, geht um in den Städten und Köpfen, sucht sich seine Opfer. PSSST. "Der Mond, Schlüssel zum Universum." Alles bleibt starr, stumm, nirgends gesunde Verwirrung. Zufrieden mit Krümeln, die von der galaktischen Tafel fielen, gelähmt in der Behaglichkeit des Lehnstuhls, erfüllt von Ameisenstolz, gebärt eine erblindete Menschheit Gerüchte. 4 Kantinengerüchte, Waschsalongerüchte, Schlafzimmergerüchte. Gerüchte in Redaktionsräumen und Amtsstuben, in Sprechzimmern und Wartehallen, gehen um. Gerüchte die das Gruseln lehren und Gerüchte die Märchen sind, Gerüchte die sich aufdrängen und Gerüchte die Geld kosten. Liebhaber-Gerüchte. NEIN, DIE SONNE HAT KEINE KINDER, UND IM WELTALL GEHT ES NICHT GERADEAUS. Illegale Gerüchte und Gerüchte mit staatlicher Förderung. Subventions-Gerüchte. Gerüchte von Invasion und Seuchengefahr, Gerüchte von Himmelstüren und kosmischen Hausierern, Gerüchte von Hoheitsgürteln und Raumpolizei, Gerüchte von galaktischen Hunden, die ihr Revier auspissen. 5 Ein Heer von Gerüchten hält die Menschen in Schach, gewährleistet die öffentliche Ordnung, das Chaos der Meinungen. Hinter vorgehaltener Hand tauschen Frauen ihre Leibgerüchte aus, Gerüchte von Gerüchten. Lobeshymnen und Drohungen, Gerüchte die Angst machen und Gerüchte die trösten sollen. Glaubensgerüchte. Gerüchte auf Flugblättern und in Leuchtschrift an Hochhauswänden, Telefongerüchte und Fernsehgerüchte, Postwurfgerüchte, Gerüchte auf Knopfdruck. Gezielte Gerüchte zur Vorbereitung auf den Untergang, akademische Gerüchte, Laborgerüchte, mikroskopische Meinungen. Gerüchte von Mutationen gehen um bei den Mutanten, Gerüchte vom Tod unter den Lebenden. Leben auf, pflanzen sich fort, geraten außer Kontrolle. Und manche, manche überleben ihre Erfinder. 6 Das Gerücht vom Anfang des Endes, dem kein neuer Anfang folgen wird. Atomgerüchte, biologische Gerüchte, apokalyptische Ahnungen. Erfüllen die Luft, das Wasser, dringen ein in Häuser und Gebäude, durch Klimaanlagen und Leitungen, überschwemmen Straßen und Plätze, durchfluten Untergeschosse und B-Ebenen und Heizungskeller, setzen Städte, Bezirke, Länder, Kontinente unter Wasser, unter Druck. Setzen sich fest in der Nahrung und Kleidung, nisten auf der Haut und in Gehirnrinden und Bäuchen, zwischen Fingern und Fußzehen, keimen, schlagen Wurzeln und wollen nie, nie wieder weichen. 7 Doch über allem, im luftleeren, wasserlosen Raum, schwebt einsam ein fremder Astronaut, erwartet, erhofft sich, ersehnt das große Erwachen. Zwischen erblühten Welten, im duftenden Lichtermeer, sonnt sich, beobachtet, schweigt. Träumt sich hinab durch die geschlossenen Dächer der Stadt in Gedanken und Gehirne, in die einstmals so üppigen, sternerfüllten Köpfe, wo es nach grünem Gras und frischen Früchten roch, nach frischem, grünem Gras. Zu lange scheint dies alles her zu sein. Zu viele Mißverständdnisse, Verhängnisse haben alles Wissen, jede Erinnerung aus ihren Köpfen gebügelt. Zu lange ist die Reise her durch weiten Raum und engen Mutterleib, die dich und mich und alle Menschen auf dieses Raumschiff hier verpflichtete. Zu kurz war sie für einen Schnappschuß, ein Foto zur Erinnerung - und doch lange genug für eine bleibende Sehnsucht. 8 Nur, wie die Wahrheit einer anderen Wirklichkeit herüberretten in dies dunkle Tal aus kontrolliertem Glauben und beschränkter Hoffnung ? Wie nur die zähe Leibermasse durchdringen mit dem Licht, das einem schwachen Gedächtnis entspringt ? Hilflos tastet stattdessen der schwache Lichtstrahl einer kleinen Bodenstation sich vor in die ewige, lautlose Nacht und erfaßt für einen kurzen Augenblick eine fremde Gestalt. Kopfüber stürzt sich der fremde Astronaut in die Tiefe des Alls, sonnt sich und wartet ab. In seinen geduldigen Händen die Botschaft, die keinen Empfänger findet. Zurück bleibt Ratlosigkeit und stumpfes Interesse. Doch nirgends gesunde Verwirrung... * * * * * 3. Gesang DER GROSSE SUMMENDE GOTT 1 Diamantblaue Nacht, kristallene Leuchtspur im Netzwerk der Erinnerung, geheimnisvolle Gedächtnisgravur. Doch in die Köpfe der Schläfer halten Technokraten Einzug, zerfasern, zerforschen, zerfleddern jede Erinnerung. Treten ein durch die Stirnfontanelle, mit Meßinstrumenten und Kontrollgeräten, mit Farbskalen und Millimetermaß, im Dienst der NEUEN RELIGION. 2 In Instituten und Laboren, hinter verschlossenen Türen auf Kreppsohlen in weißen Kitteln, lautlos, unsichtbar, verstümmeln sie ein Wissen anderer Art bis zur Unkenntlichkeit, ihr verstehbares Maß. Löschen das ewige Wissen der Neugeborenen und Greise, eingelasssen in unsere Zellen, verschlüsselt, doch nicht verschlossen, offen der genetischen Erinnerung. In ihren plumpen Händen gerinnt der Mikrokosmos zu zellularem Brei. "Schon der Fötus sieht und hört, erinnerst du dich ? (Wir müssen wissen, wie er es macht, und wenn wir ihn zerlegen müssen.)" All-Wissen als Versuchsobjekt der Kaninchenwissenschaft. 3 In den Träumen der Technokraten sind die Nächte stahlblau und die Wolken organische Watte vor einem Himmel aus Lackmuspapier. Auf der Sonne, ihrem galaktischen Bunsenbrenner, kochen sie den Kosmos klein. (Eine unbekannte Flüssigkeit im Versuchskolben: Mit den Augen abendländischer Romantik entdeckt der Mensch die Struktur des Wassers.) Tägliche Exekution eines Wissens ganz anderer Art. Nur DER GROSSE SUMMENDE GOTT weiß mehr, spuckt Daten aus als Löcher in endlosen Streifen. Technokraten aller Länder knien vor ihm nieder, erflehen seinen kalkulierten, unberechenbaren Segen. 4 ER ist überall. Wacht über Nächte und Tage, registriert, sortiert, nummeriert, datiert, kontrolliert uns, die modernen Sklaven. ER kennt alle Namen und Vornamen und Geburtsdaten und Familienverhältnisse, unveränderlichen Kennzeichen. Unbeirrbar, unbestechlich wacht DER GROSSE SUMMENDE GOTT in seinen heiligen Hallen, zwischen verchromten Wänden, wacht, befehligt, schweigt. SEINEN immerwachen Augen entgeht nichts. Nicht der verspätete Zug und nicht der ampelsündige Eilbote, nicht der Rolltreppendefekt und nicht die Einschaltquote, nichts. Nicht die verlorene Quittung, die aufgeholte Sekunde, der durchschnittene Draht. Kein Anruf, kein Wutausbruch, keine schlaflose Nacht mit angeknipster Taschenlampe, nichts. UND DAS FLEISCH WURDE MASCHINE, UND DER STAHL WURDE GEIST. Der große summende Wächter unserer Nächte und Tage, allwissend und allmächtig, übt sich ein... 5 Es ist Nacht in den Gehirnen und Gemütern der Technokraten, Nacht wie es war über Bethlehem vor dem Einbruch des Lichts. Nacht, stahlblau und feuerfest, wie der Himmel über New York, dem "Bethlehem der Technokraten" (ein Irrenhaus mit verchromten Wänden). Trotz allem aber träumen sie vom Wissen, das keine Frage mehr offen, keine mehr zuläßt. Den Traum vom blinden Gärtner und der Rose ohne Duft. Den Traum vom Beischlaf mit einer kybernetischen Hure. Den Netzplan-Traum von der Erzeugung künstlichen Lebens. Netze, feinmaschig, fangen Bedenken auf. Unter den wohlwollenden Augen SEINER SUMMENDEN GEEGENWART roden sie dunkle Schneisen in den Sternenwald, und viele blinde Gärtner harken den atmosphärischen Himmel. 6 Doch mitten im Traum von Erlösung und Allmacht und Fortschritt fordert DER GROSSE SUMMENDE GOTT seinen Tribut. Verlangt Versöhnungsopfer, kassiert die Traumraten, verweigert die Quittung. In die hungrigen Köpfe der Schläfer schickt ER seine Botschaft von Befreiung und stählerner Wiedergeburt (sein mechanischer Geist spinnt einen perfekten Plan, und seine glühenden Drähte entzünden die Welt). Technokraten eilen an die Krippe (zwischen verchromten Wänden), geleitet von reflektiertem Licht... * * * * * 4. Gesang TAGE UND NÄCHTE IM STAHL-GLAS-PARADIES 1 In diesem Stahl-Glas-Paradies mit defekten Menschen und glücklichen Maschinen sind die Nächte endlos und die Tage zu lang für die lautlos Leidenden. Nirgends ein Fluchtweg aus dem Reißwolf aus Raum und Zeit, den drei diktierten Dimensionen. Keine Hoffnung, den Tagen zu entrinnen durch Aufmerksamkeit oder Ablenkung, keine Hoffnung, an den Nächten vorbeizuschlafen. Tage voller Angst vor dem Spiegel der Nacht, Tage wie Schlamm und gespickt mit bleischweren Wünschen, Nächte mit traumschweren Flügeln ohne Landeplatz. Tage an denen du lachen möchtest, und Tage an denen du nicht weinen kannst, Tage an denen du keine Zeit hast für Gefühle. Tage an denen du kein Zeitgefühl hast. Tage mit verfrühten Morgen und verlängerten Abenden, Überstundentage, Tage des Auftritts und der Abgänge, Bühnentage und Behördentage, Tage der Pflichterfüllung, Tage ohne Applaus. Tage die nach Stunden zählen und Tage die nach Sekunden zählen und Tage die überhaupt nicht zählen. Unerwünschte Tage, unvermeidlicheTage, Stechuhrtage, Kalendertage, Pflichttage, pausenlose Tage. 2 Die seltenen Tage der Arbeit inmitten vieler Arbeitstage. Tage der Jugend und Tage der Frau und Tage der Milchwirtschaft. Tage des Automobils, Stolz und Fetisch einer verblödeten kosmischen Intelligenz (primitive Konstruktion ein Motor ein paar Wellen zur Kraftübertragung ein paar Räder und Sitze für Gesäße das ist alles; ein Steinzeitgefährt in der Maske des 2. Jahrtausends). Zufriedene Tage, selbstzufriedene Tage, selbstvergessene Tage voller Gelächter, traurige Tage ohne Tränen, Tage mit Narrenkappe und Luftschlangen um den Hals, Tage zwischen Himmel und Erde. Bescheidene Tage und Tage die über die Stränge schlagen. Verschwiegene Tage, verschämte Tage, Tage die sich hinter Sonnenbrillen verstecken, Tage mit hochgeschlagenem Mantelkragen. Vatertage und Katertage, Tage mit Monatsbinde, Tage mit Blindenbinde, Tage mit Trauerbinde, endlose Reihe von Tagen... 3 Tage die aus dem Gleichgewicht kippen, umfallen und sich nicht wieder aufrichten können, gescheitert am Sturm oder der Vergangenheit oder der Einsicht in die Zusammenhänge, in das vermeintlich Unabänderliche des Daseins, des Soseins. Tage die sich auf Eisenbahnschienen legen und auf den 5-Uhr-Zug warten, das Gesicht in Fahrtrichtung, Tage die aus dem Fenster springen im achtundzwanzigsten oder achten Stock, Tage die sich mit Benzin übergießen, Protesttage, Endzeit-Tage mit und ohne Abschiedsbrief. 4 Feuerwehrtage mit Löschzügen und Bränden und falschem Alarm, Operationstage mit aufgeschlitzten Bäuchen und vernähten Augenbrauen, Schlachttage mit Festgelagen und Sodbrennen, Versicherungstage mit Prämienbescheiden und Mahngebühren, Steuertage, Zahltage, Wahltage, Tage unter Neonlampen, Tage auf weichem Asphalt. Endlose Reihe von Tagen die sich fortsetzt über den Kalender hinaus, die nirgendwo hinführt und dann ins Verderben. Dunkelheit umgibt sie alle in diesem Stahl-Glas-Paradies, von Kunstlicht durchdrungen, kaum erhellt. Nachts darf man sie benennen. Im Dunkeln schweigen die Maschinen, stellen sich die Leblosen tot. Aus ihren Träumen hörst du lautlose Schreie, die Vorhänge vor den Fenstern zittern kaum, noch im Stöhnen ist ihr Atem kontrolliert... 5 Nächte ohne Netz mit doppeltem Boden und Trickschaltung. Nächte lang wie ein Theaterabend in vielen Aufzügen ohne Vorhang, wie eine Westernserie auf dem Bildschirm des Simulators, Nächte lang wie eine Ewigkeit und danach nichts. Schlaflose Nächte die dann doch in irgendeinen Traum münden von traumlosem Schlaf, Nächte, anstrengender als Tage, ehrlicher. Heldennächte denen kein Feigling entrinnen kann durch Rollenspiel oder Toilettenbesuch, Nächte für die kein Tapferer eine Medaille erhält, Nächte die jeder kennt und über die keiner spricht. Individuelle Nächte, Kollektiv-Nächte, Regional-Nächte, National-Nächte, Nächte ohne öffentliche Konsequenzen. 6 Ampelnächte mit Dauerrot und haltlosen Zügen, die durch Wände in die Schlafzimmer brechen, Nebelnächte mit Landeverbot ohne Treibstoffreserve, Nächte mit Konfettiregen im Wetteramt. Automatennächte mit blockiertem Rückgabeknopf, Nächte mit nackten Tagesschausprechern und Ansagerinnen so um die sechzig, Lottonächte mit 49 gezogenen Gewinnzahlen, Nächte voller Eigentore der Heimmannschaft. Nächte mit Demonstrationszügen von Schaufensterpuppen durch menschenleere Straßen, Nächte in denen die Tonnen den Müll ins Haus zurückbringen und im Wohnzimmer zu Halden aufschütten, Nächte mit kippenden Konserventürmen in Selbstbedienungsläden, Nächte mit endlos klingelnden Registrierkassen. Nächte mit Tonbandstimmen in fahrerlosen U-Bahn-Wagen, Nächte in denen die Gehirnpolizei anklopft um nach dem Rechten zu sehen, Nächte mit Coca Cola-Zwang. 7 Nächte in denen Rosen mit Dolchen über ihre Gärtner herfallen, Nächte in denen die Scheiben der Fenster in der Sonne schmelzen, die Wände herunterrinnen und die Straßen und Gehsteige mit einer feinen Glasur überziehen, die knirscht und splittert bei jedem Schritt, Nächte in denen du barfuß bist. Nächte in denen du dich erinnerst und Nächte an die du nie erinnert werden möchtest. Nächte an denen du dich erkennst. Zerdehnte, durchlebte, durchstandene Nächte, in Schweiß gebadet, mit verdörrter Zunge, rauher Kehle. Nächte ohne Erholung, Nächte in denen nur der Weckertod dich erlöst aus der Stahl-Glas-Hölle mit den tausend klingelnden Telefonen. Nächte von denen du hofftest sie würden niemals so sein. 8 Und irgendwann zerreißt dann ein neuer, im voraus verbrauchter Tag die Schatten, verblaßt die Erinnerung, dringt ein durch die Poren der Fenster, wirbelt auf die träge Atemluft, kühlt die brennenden Augen, die glühende Haut und den frischen Kaffee, der heiß und stark durch deine Adern rinnt und dich wach macht und bereit für das Stahl-Glas-Paradies und den Aufgang der tausend künstlichen Sonnen... * * * * * 5. Gesang KULTUR DER KULTE 1 Und immer noch ist nirgendwo ein Traum in Sicht, ein Traum von einer Wirklichkeit, die anders ist. Die Friedlichkeit der Sterne, ihre berstende, verträgliche Vielfalt, sie könnte Vorbild sein, und doch war sie es nie. Nur Platon träumte kühn vom Kosmos und der Menschenwelt und einer einzigen Idee, die alle bindet, alles hält. Von niemandem verstanden, versickerte sie im roten Sand beim Aderlaß unserer Kulturen, die nichts bewahrten als den leblos leichten Leib aus Kulten und Zeremonien. Unsere Kultur wird längst nicht mehr von Dichtern, Denkern mitbestimmt, und kein Druide findet einen Platz im Parlament, im Stadtrat, im Bezirksvorstand. Zwischen den Bänken aus gediegener Eiche sprießt allein das Unkraut neuzeitlicher Kulte, bestimmt das Denken, Träumen, Handeln. 2 Und auch die Dichter sind nicht mehr wie wir sie wollten. Als Produzenten, Macher stehen sie jetzt Schlange vor den Wortfabriken, aus denen leichte Muse fließt, locker-luftig, Sprachsuppe, Gedankenbrei, Ideeneintopf. In Werbeagenturen, Redaktionen, in Lektoraten stehen sie im Dienst der allgemein beredten Sprachlosigkeit. Zwischen Buchrücken in Ledergarnituren gezwängt, bewacht von Auflagen und Penetrierungswerten, sitzen, lassen sich die Worte einzeln oder nach Gewicht vom Mund aubkaufen, liefern auf Bestellung. Und auf der Strecke bleibt ihr einstmals besseres Wissen, ihre 3-Sterne-Botschaft weicht dem bunten Schutzumschlag, aus ihren köstlich ungezähmten, tausend losen Gedanken weerden nur papierne Alibis, ein fromm frisiertes Massenfutter für Gedankenlose, die so bleiben sollen. 3 So also freie Bahn den Kulten, den Star-, Begabungs- und Personenkulten, freie Bahn für die Bewußtseinshierarchie, für den Rassismus des Intelligenzquotienten. Kultur wird Ware, stirbt im Warenkult, Ästhetik wird Acrylschönheit, aus Reizen werden Cola-Räusche, Geschmack verliert sich in Genußkulten, die alles Flache, Leere, Schale überdecken und vergessen machen für einen zu kurzen Augenblick - in der Rechten Simmel, in der Linken die mit Klimazone, klingelst du dich frei. Aus Eßkulturen werden Freßkulte, aus der Eroberung der Welt ein Höher-Schneller-Weiter-Rausch, aus der Notwendigkeit zur Sauberkeit ein Reinheitskult, Waschzwänge, das Bedürfnis, sich herauszuschälen aus der alten Hülle, sich zu finden in den Dingen, Gegenständen, der Rausch der Selbstverwöhnung, der Versöhnung mit sich selbst, der Rausch des großen Reinemachens, der Weißheit letzter Schluß. 4 An Menschenstelle rückt die Rolle, Maskenkulte, Ego statt Persönlichkeit, Identitäten werden käuflich auch in kleinen Raten, die Radarsuche nach sich selbst im Warenhaus der Attribute, der portionierten Individualität. Die Sehnsucht, wer zu sein, beachtet, beglaubigt, beglückwünscht zu werden, Profilneurosen, die Hoffnung, einen Händedruck, eine Unterschrift wert zu sein, und sei es nur auf dem Formular des Briefträgers für ein Einschreiben vom Finanzamt. Die Brille gibt dir ein Gesicht, der Anzug Haltung, die Schuhe Halt, so spielst du mit. Identifiziert, in Akten abgelegt, leicht aufzufinden, herzustellen bei Bedarf, auf Paßfotos erkennbar, stechkartenchiffriert - die Rolle funktioniert. 5 Die Denker, Schreiber selbst sind aufs Philistertum gekommen, kein Menschenbild, kein mittelfristiges Konzept von Leben und Erfüllung findet sich in ihren Worten, kein handhabbares Maß einer Vernunft, die uns uns näher bringen könnte, und weg vom Kult des Geldes und der Leistung, vom Kult verarmten Adels, reichgewordenen Straßenräubertums, vom Kult des Müßiggangs, vom Kult der roten blauen Ameisen, kein Wort davon - und zwischen ihren Zeilen gähnt die Leere. Kein Wort, und keine Ahnung vom Kosmos, Menschen, von der Wissenschaft, von zeitgenössischer Erkenntnis, Logik, keine Idee vom Universum, einer anderen als ihren zwei holzfreien Dimensionen. Von Bertrand Russell nie gehört, von Einstein mal ein Bild gesehen, von Campanella mal im Lexikon gelesen. George Orwell gilt für sie als Tierzüchter und Farmbesitzer, Huxley klingt für sie nach Schweinebraten, Chomsky nach einem neuen Wintersportvergnügen, und Morris kennen sie als Automarke. Blochs konkrete Utopie ist ihnen viel zu nebulös, Orgon halten sie für eine Anti-Baby-Pille, und Alphawellen für die clevere PR-Erfindung eines bekannten Nordseebadeorts... 6 So blüht der Kult der Ahnungslosigkeit, des Schein-Wissens, der totgeredeten Erkenntnis. Kein Literat trat wirklich ein ins Zeitalter der Wissenschaft, sie alle finden in der Maserung des Holzes ihres Schreibtischs soviel verzweigte Wege ihrer Phantasie wie ihnen Worte zur Verfügung stehen, sie alle fertigen Modelle voller Einfalt, Gemälde von Blindenhand, sagen nichts. Wo ist der Literat, der sich noch wundern kann ? Wo ist die wirkliche Literatur, die alles wahrnimmt, manches für wahr hält und vieles für wahrscheinlich ? Die wirklich starke Poesie, die Ahnung hat und Ahnung gibt von einer Welt, die größer, schöner und bedeutender sich anfühlt, schmeckt als unsere Instantwelt ? Nur die Erinnerung an Jean Paul, den ersten kosmischen Denker der Literaturgeschichte, und "Hut ab" vor den Kosmologien von Hayward, Hesse, Whitman. Doch dann, beklemmend, sturmlos Stille. "Wie in einem Wasserglas..." * * * * * 6. Gesang ALLES KLAR ZUR APOKALYPSE 1 Es ist die große Zeit der Pathologen, wie immer vor einem Untergang, einer Wende. Es ist die Zeit der Lehren und Irrlehren, die Zeit der allesvernichtenden Ratlosigkeit. Morgens vor deiner Tür stehen die Gurus Schlange, die Menschheitsretter und Welterlöser, warten, dienen sich an, dir die Aktentasche ins Büro zu tragen. Und wirfst du sie raus, dringen sie ein durch die Hintertür. Es ist die große Zeit der Wunderheiler und Heilwunder, die Zeit der unheilbaren Wunden. Die Zeit der Diäten und Wallfahrten und Anrufungen. Kein Wunder, bei soviel gelebtem Wahn, soviel verdautem und wiedergekäutem Gedankenkompost, der überall zu jeder Zeit aus allen Sendern und Kanälen quillt und alles im Raum mit weißem Schaum überzieht. 2 Es ist die Zeit des Schwörens und Abschwörens, der Gelübde und Gelöbnisse, der falschen und ernstgemeinten Besinnung, der unhaltbaren Versprechungen. Ruhelose suchen die Ruhe, Sündige ihre Unschuld, die Unbarmherzigen suchen Barmherzigkeit und die Lügner das Licht der Wahrheit. Die Huren klopfen an Klostertüren an, erflehen Einlaß und Gefangenschaft, ihre Schenkel zu kühlen in geweihten Hallen, die Nonnen ziehen in Sonderbussen zum Standesamt in Gottes Namen. Die Redner suchen die Einsamkeit, das Publikum drängt auf die Bühnen, Eremiten verbrüdern sich in verräucherten Sälen und Vortragshallen. Es ist die Zeit gestammelter Geständnisse und öffentlich bekannter Reue. Die Wartezimmer sind voll davon, die Aufzüge, die Waschräume. Die Gewaltlosen suchen die Schlägerbanden, lauern ihnen auf und stellen sich zur Verfügung, die Opfer suchen ihre Mörder, ein jeder tut Buße auf seine Art. 3 Es ist die Zeit der Stiftungen und Sammlungen, die Zeit der hilfebedürftigen Helfer. Spendenquittungen dienen als Kissen, daunenweich wärmendes Mitgefühl. Doch unter dem Laken friert die Angst. Es ist die Zeit der Kulte und Kniefälle, der teuren Opfer, die Zeit der leeren Kirchen und überfüllten Tempel. Gib Acht auf ihre Worte, wenn du in ihre Nähe kommst, gib Acht auf ihre Taten. So mancher wünscht der Menschheit erst den Untergang, um sie dann retten zu können, so mancher liebt vor allem seinen Pfauenthron. Und neben dir steht einer blutend im Gewühl, blutet und lacht, geduldig, schweigt, bleibt unbeachtet, unbemerkt von den Blitzlichtern der Fotografen, den surrenden Kameras, dem segnenden Scharlatan, der gebeugten Menge. So wie es schon lange geschrieben steht... 4 Es ist die Zeit der Schlaftabletten und Leistungskapseln, der Lebensführung in Pillenform. Muntermacher machen Müde munter, Tranquillizer sorgen sicher für Grabesstille in Gedankengrüften. Es ist die Zeit der Räusche und Phantome, die Zeit der Psycho-Emigranten. Die tägliche Dosis RNS, der Rückzug in die Gehirnrinde, das große Spritzenglück. Verschiedene Etagen der Innenwelt, heiles Museum einer kaputten Welt. INSTANT YOGA - OUTER SPACE - INNER LIGHT - Fahrpläne aus der Haut. Es ist die Zeit der Todessehnsucht, der Gedankensprünge ins Niemandsland, der Erweiterung ohne Bewußtsein. Die Zeit der großen Mißverständnisse... 5 Es ist die große Zeit der kleinen Tode, die überall hilfreich die Hand dir reichen, die knöcherne, elastische, aus jedem Anlaß, bei jeder Gelegenheit. Da ist der kleine Tod beim Einkaufssprint vor Ladenschluß, der kleine Tod beim Begrüßen des Hausmeisters, der kleine Tod beim freundlichen Gruß an die Ehefrau. Der kleine Tod beim Blockieren der linken Fahrspur auf der Autobahn, der kleine Karrieretod beim Untergang eines Ideals im Kompromiß, der kleine Urlaubstod im Vorjahreshotel. Der kleine Reklametod beim Aufhängen der Trockenwäsche, der kleine Gesinnungstod bei der Lüge aus Not oder Scham oder Eitelkeit, der kleine Verkehrstod beim Räumen der linken Spur für den Schnelleren. Der kleine Resignationstod, der kleine Fernsehtod, der kleine Zigarettentod, die vielen kleinen Tode, Wechsel und Raten der Ohnmacht. 6 Es ist die Zeit der Umkehr aller Werte, die Zeit der wahren Lügen, des Fortschritts im Rückwärtsgang. Doch da es alle trifft, fällt keinem etwas auf. Die Nichtschwimmer melden sich zur Marine, die Asthmatiker zum Bergbau, die Schwindelfreien zum Bodendienst. Die Erfolgreichen beten um ein bescheidenes Versagen, die Armen beneiden die Reichen nicht mehr. Die Ratgeber bleiben die Antworten schuldig, den Quizmastern fällt keine Frage mehr ein. Verbraucherverbände protestieren gegen Verbilligung der Agrarprodukte, Gewerkschaften gegen Tariflohnerhöhung, Ölkonzerne gegen Benzinverbrauch. Banken verweigern den Geldumtausch, Makler umwerben die Mieter, die Wucherer senken die Preise. Niemand schöpft Verdacht. 7 Es ist die Zeit der Angst und Verzweiflung, des blinden Hasses, falscher Wut, gerechten Zorns. Die Zeit der gerichteten Richter und gehenkten Henker, der Rache am eigenen Blut. Es ist die Zeit versuchten Ausbruchs, der geknackten Gitter in Laufställen und Metallbetten, die Zeit des Ausbruchs aus den Gewohnheiten und Abläufen und dem immergleichen Rhythmus der Rufe der Pflicht, aus zäher Wiederholung und seltener Variation der Gänge und Gesten und Gespräche, des Wartens und Handelns und stillen Erduldens, die Zeit des Ausbruchs aus dem selbsterdachten Gefängnis. Menschen öffnen sich die Hemden und fluchen beim Anblick ihrer Baustellen, ihrer Sitzgarnituren und Fertiggerichte, Menschen schaffen sich die Krawatten vom Hals, Menschen platzt der Kragen. Menschen lachen beim Anblick ihrer Politiker und weinen beim Gedanken an ihre Kinder, Menschen überqueren ihre Straßen bei Rot, mißachten Zebrastreifen, fahren schwarz... 8 Nicht lange wird es mehr dauern und der Ausbruchsstimmung verfällt das ganze Land, mit Insassen und Wärtern und Verwaltungsbeamten und dem Reinigungspersonal. Menschen trumpfen auf, Menschen schlagen zu, Menschen laufen Amok. Menschen zerschlagen die Scheiben der Bürosilos und Kaufhäuser, seilen sich ab an der Außenwand, aus der Buchhaltung oder dem Konferenzraum oder der Spielzeugabteilung, aus der Abteilung Damenwäsche oder dem Lohnbüro, seilen sich ab und verschwinden im Untergrund oder im Gewühl des Berufsverkehrs. Menschen mit fahlen Wangen, fiebernden Händen, flackernden Augen, mit wirren Haaren und wächserner Haut, malmenden Kiefern, streben berechnend durch verbotene Türen nach draußen, zerschlagen die Seitenscheiben ihrer eigenen Autos, knacken das Zündschloß, fahren davon, fahren allem davon. 9 Fahren in tödlichem Tempo durch Einbahnstraßen in gegenläufiger Richtung, brechen maskiert in die eigenen Wohnungen, Keller ein, schleppen davon was sie tragen können, verkaufen das Zeug auf dem Schwarzmarkt, verbrennen das Geld vor den Filialen der Banken oder schenken es einer Toilettenfrau. Menschen überfallen Menschen auf offener Straße, ihre Brüder und Schwestern und Nichten und Tanten, ihre Eltern und Großeltern, stechen ihnen den Brieföffner, das Jagdmesser, das Tranchiermesser in den Leib, das sie von ihnen zu Weihnachten als Geschenk erhielten, und rauben ihnen die Uhr, die Geldbörse, das Amulett, das sie ihnen schenkten, sie machen nicht einmal vor sich selber Halt. Trinken Salzsäure, hacken sich Finger und Arme und Beine ab, stechen sich in den Unterleib, kratzen sich selbst die Augen aus. Sie belästigen ihre eigenen Frauen mit obszönen Anrufen und verstellter Stimme von Telefonzellen aus, drohen mit dem Raub ihrer eigenen Kinder, verüben Anschläge, fordern Lösegeld... 10 Es ist die Zeit des Kleinkriegs auf offener Straße, der Schlachten in Parkhäusern und an Wühltischen und in Schnellrestaurants, die Zeit der unheilbar brennenden Wunden. Es ist die Zeit der Heckenschützen und Hamsterkäufe, der Rüstungsdementis und Fotos von Kindern auf überfüllten Spielplätzen und in Bombenkratern, die Zeit überraschender Diplomatenbesuche, in der man wieder heftig übers Wetter streitet. Menschen rollen ihre Teppiche zusammen, kellern ihre Träume ein, polieren Eheringe und Goldplomben. Selbst die Zeiger der Normaluhren ticken in seltsamer Hast ihre Sekunden aus. Und so ist endlich alles klar zur Apokalypse... * * * * * 7. Gesang IM MORGENROT DER NEUEN ZEIT 1 Und doch steht eine neue Zeit bevor, goldene Jahre und Jahrzehnte in einer veränderten Welt. Die alte hat sich selbst längst überlebt, das kosmische Gesetz geleitet sie ins Grab. Und ehe es nur einer merkt, gehört er zu den Toten oder er hat überlebt. Doch keine neue Zeit der großen Reden kleiner Leute, kein neues Zeitalter mit Pauken und Fanfaren und Kinderchören auf Emporen. Kein neues Zeitalter mit Stunde Null und Säuberungsaktionen, feierlichen Schwüren. Davon hatten wir genug. Die neue Zeit ist längst schon angebrochen, lebt in unserem Denken, denkt sich ein neues Leben aus. Räumt auf in Küche, Keller, Kleiderschrank, stellt Leben, Lachen, Liebe in den Mittelpunkt. Ist keine Antithese, weil sie keine These kennt, krempelt nicht um und wendet nicht, ist neu. Und wenn du mich verstehst, bist du der neue Mensch, und wir sind endlich wir. 2 Doch nicht der neue Mensch aus der Retortenzüchtung, nicht diese Kreuzung, Mischung aus Geheimlaboren, und nicht ein neuer Mensch, der einst aus wolkenlosem Himmel fallen wird, direkt ins Kripplein, allen zur Bewunderung. Solch ein neuer nicht. Der neue Mensch bist du, und seine Zeit ist das, was jetzt geschieht. In dieser neuen Welt ist nirgends mehr ein Rest von Dunkelheit, kein Schatten findet ein Gesicht, auf dem er wohnen kann. Kein Auge hat mehr Raum für feuchte Trauer, kein Herz für flirrenden Zorn, keine Stirn für faltige Wut. Kein Männergesicht, kein Kindergesicht und kein Gesicht einer Frau. Mit hellen Augen singen alle jetzt von Freude und gelebtem Frieden, laut und heiser, zart und still, als Licht für andere im Licht der anderen, sind wie sie immer schon sein wollten: furchtlos, glücklich, schön und frei... 3 Schön wie die Menschen von Atlantis und wie ägyptische Königinnen, frei und schön wie die Krieger der Azteken und die Goldschmiede der Inkas, natürlich schön und frei. Schön wie Apostel und die Frau, die sich zwölf Kinder gebar von zwölf oder vierundzwanzig Vätern. Schön wie Methusalem und schön wie der junge Mozart. Schön wie der alte Zeitungsverkäufer, der dir das Neuste aus seinem Garten erzählt, mit kaum kontrollierter Stimme, und schön wie die Platzanweiserin, die dich ganz nach vorn schmuggelt im Konzert der untoupierten Sängerin, Männer und Frauen, schön wie kaum ein Gestirn. Frauen die schön sind übers Altern hinaus, ohne Tand und totgeschminkte Gesichter, Frauen für die es sich lohnt, die Welt in ein Paradies zu verwandeln. Tüchtige Frauen mit Geschmack, die zärtlich sind und phantasievolle Gewänder tragen mit Sonnen und Monden und Regenbogen bestickt, Frauen die kluge Töchter und sensible Söhne gebären, Frauen die kosmisch denken können, Frauen die denken können. 4 Frauen die nicht aus dem Mund oder zwischen den Beinen nach kandierten Kirschen riechen, Frauen die keine Generation falsch erzogener Kinder auf den langen Weg in die Zukunft schicken, mit gebügelten Haaren und verdorbenen Mägen, Kinder die nicht im bloßen Sterben zugrunde gehen, irgendwo im Gewühl der Leiber stecken bleiben und nicht mehr vorwärts können und nicht mehr zurück, erstarrt auf dem Stuhl eines Abteilungsleiters oder im Glashaus eines Portiers, auf dem Gesäß eines Managers oder eines Politikers, am Anfang oder am Ende eines Fließbands, vor einer Verpackungsmaschine, einer Werkzeugmaschine, einer Frankiermaschine, in einer Bank oder Matratzenfabrik oder Brotfabrik, im Ersatzteillager, im Vertriebsbüro, im Konferenzraum. Keine solchen Frauen, und keine ratlosen Männer,von denen die Jugend nichts lernen kann als Haß und Habsucht und Knechtschaft. Keine mißratenen Frauen die ihre Männer unzufrieden machen mit sich und allem und haltlos und sie anstiften die Welt in Brand zu stecken oder in die Luft zu sprengen aus lauter Unglück und Ratlosigkeit, keine solchen Männer. 5 Männer mit und ohne Bart, Männer mit festen Lippen und ohne Gewehr und Tornister, ohne Gepäck und zentnerschwere Vergangenheit und persönliche Geschichte, Männer mit viel Gegenwart und auch ein wenig Zukunft, Männer mit Schultern für Frauenköpfe, Männer mit Köpfen voll Wissen und Liebe und Licht und Geduld, Männer die auch mal eine Idee haben, Männer mit Phantasie. Männer die wissen wer sie sind und warum und die mit ihrem Leben etwas anzufangen wissen. Männer. Keine Memmen mit Siegelring und Krawattennadeln, mit bleichen Gesichtern und Büromief im Haar und dem Geschmack von Freiheit und Abenteuer aus der rotweißen Faltschachtel. 6 Männer die ihren Blick ohne Furcht zu den Sternen richten können, ohne Angst daß ihnen der Himmel auf den Kopf fällt, Männer die auch mal einen Meteor fangen würden und zurückwerfen ins kosmische Spielfeld, Männer die mutig genug sind zu singen und laut zu lachen, Männer die mutig genug sind zu lieben und Freunde zu haben und bescheiden zu sein, Männer die mutig sind. Männer mit Frauen die wissen wie man Brot backt und die Sterne deutet. Männer die sich eine Welt ausdenken können und solange nicht ruhen bis die Welt so ist, Männer mit magischen Frauen mit tiefen Augen, Frauen die im Dunkeln allein keine Angst haben, keine Angst mehr haben müssen. Männer und Frauen die alt werden können ohne Zittern und Albträume, ohne senile Gebärden und stumpfe Augen, die wirklich alt und weise werden, Greise voll Freude und lichtem Verständnis, lächelnder Einsicht. 7 Keine siechen Rentner mit triefenden Mäulern und weichen Gehirnen, hingehängt an Krücken und Stöcke oder auf Parkbänke geschnallt, sinnloses Zeug brabbelnd bis in den Untergang der Sonne hinein, keine Kaffeefahrtleichen mit zitternden Wangen und asthmatisch schnaufenden Lungen, die nichts wissen von Leben und Tod und Wiedergeburt, die in den Särgen der Altersheime aufbewahrt werden und zur Fütterungszeit herausgehoben und aufgestellt der Reihe nach, keine zerfurchten Leiber mit Ausgangsverbot zum Schutze der Autofahrer, von porösen Knochen kaum zusammengehaltenes Fleisch, mit erloschenen Augen und geschrumpften Köpfen, kaputtgemacht, zugrundegerichtet, kleingekriegt. Solche Alten nicht. 8 Und eine Welt, die keinen mehr kaputtmacht, zugrunderichtet. Eine Welt voll Heiterkeit und Arbeit und Lebensfreude, voll Sinn und Bezug auch im Müßiggang, eine Welt ohne Träume, eine Welt von der niemand träumen muß. Eine Welt ohne Macht und Maßlosigkeit,ohne Heiserkeit und Hysterie, eine Welt des Friedens und Gleichgewichts, eine Welt, wie du sie dir schon immer gewünscht hast. Eine Welt in der Menschen glücklich und Hand in Hand im Sternen-Express unbeirrbar heimwärts leben. Eine Welt voll Lösungen und Liebe, die alles umfaßt, alle Menschen und alle Tiere, jede Frucht, jedes Gemüse, jede Blume, jedes Gras, jeden Stein, die Sonne, die Sterne, den ganzen Kosmos. Lösungen die nicht rot sind und nicht dunkelrot, nicht braun und nicht schwarz und nicht bonbonrosa, Lösungen die jede Farbe haben und jede Hautfarbe, jede Schattierung und jedes Muster, Liebe und Lösungen, vielfältig bunt wie die Farben des Regenbogens, die sich treffen und vereinigen im Fokus zu reinem weißem Licht. 9 Ein Leben so klar und rein und einsichtig wie das eines Kindes vor der großen Dressur, ein Leben ohne Geheimnisse und faule Magie, ein Leben das duftet und atmet und denkt und nichts tut oder alles. Leben das mitschwingt in den Frequenzen kosmischer Harmonie, Leben das im Tod nicht endet sondern sich fortsetzt ins Unendliche... - Ein Leben das menschlich ist, von Menschen für Menschen gelebt. Ohne Menschen die Menschen bekriegen, besiegen, beherrschen wollen, abschlachten oder verachten im Namen einer Idee oder eines Glaubens oder eines Prinzips, ohne Menschen die Menschen leiden machen für Herrschaft und Macht oder mehr Ansehen und Selbstachtung oder einfach für ein wenig mehr Geld, ohne Menschen die Menschen übverfallen und berauben eines Landes oder eines Lammfells oder eines Goldzahns wegen und sie dann liegen lassen, den Geiern und Giftgasen zum Fraß. 10 Denn Menschen werden wieder wie Menschen gemeinsam atmen und lachen und schweigen können, im Gras liegen und die Wolken beobachten, und Menschen werden Menschen wieder glauben können und vertrauen ohne Zeugen und notarielle Unterschrift, ohne Türspione und Angst vor Kleingedrucktem, und Menschen werden wieder mit Menschen reden können über Schönheit und Glück und das unendlich langsame Wachstum des Grases und der Bäume auf den ehemals asphaltierten Straßen. Menschen werden Menschen wieder in die Augen schauen und umarmen können, überall und ohne besonderen Grund, Menschen werden wieder menschlich sein. 11 Die neue Zeit ist das, und wir sind die neuen Menschen. Zum Zögern ist die Zeit zu knapp. Handle, werde wer du bist. Die alte Zeit ist lange schon Vergangenheit, sie hat sich selbst längst überlebt. Noch scheint sie wahr zu sein, noch scheint das alles seinen alten Gang zu gehen, und doch ist alles längst schon hohl, taub wie ein Ei, auf dem ein Eisberg brütet. Den groben Sand der alten Zeit trug längst ein starker Wind davon, die alte Uhr ist abgelaufen, sie wird nicht mehr ersetzt. 12 Doch niemand trennt sich leicht von den gewohnten Dingen, Ansichten, man hält ihnen die Treue bis ins sternenlose Grab. Der gewohnte Weg zur Arbeit, zum Sportplatz, zum Homöopathen, der gewohnte Anruf bei der Zeitansage, täglich zur selben Zeit, der Blick in den Briefkasten, der Griff nach der Milchflasche vor der Tür. Die Gewohnheit, daß alles wie gewöhnlich läuft, keine Änderung zu sehen beim kurzen Spaziergang am Rand des Gesichtskreises, und doch ist alles längst nur Erinnerung. Alle Maschinen stehen längst schon still, die Stadien sind verwaist, die Ärzte treffen sich in Wartezimmern guter Astrologen, suchen Rat, suchen ihre Patienten. Die leeren Flaschen werden nicht mehr abgeholt, die Briefe bleiben ungeschrieben, unfrankiert, und eine weiche Tonbandstimme verkündet ohne Leidenschaft das Ende aller Zeit. 13 Nicht mal der Blick in deinen Morgenspiegel bleibt dir noch, schon steht die Welt, hält still. Und irgendwo im Nachbarhaus bricht eine Frau in weinendes Gelächter aus. Vereinzelt geht man auf die Straße, hebt Scherben auf, hofft, daraus noch ein Stück der alten Zeit zu retten, an die Wand hängen zu können hinter Glas. Man trifft sich, tauscht Gerüchte hinter vorgehaltener Hand. Wer jetzt noch nicht versteht, wird nie verstehen, wer jetzt noch einsam ist, der wird es immer bleiben. Gedanken werden laut, die in den stillen Himmel weisen. Gedanken von irdischem Untergang, Sehnsucht nach kosmischer Rettung. 14 Andere glauben nicht. Die einen träumen jetzt die Wirklichkeit, die anderen fürchten sich vor ihr. Die einen atmen kaum, die anderen tiefer. Die Luft schmeckt allen anders jetzt, in allen Lungen tut sich was. Und niemand spricht, die letzten Worte, die man jetzt noch hört, sprechen sich selbst. Musik wird laut, und immer lauter nähert sich der heilige, kosmische Klang. Den einen gehen die Augen auf, die anderen gehen unter. Der Himmel teilt sich nicht, die Erde nur, die Menschen, und wer noch unentschieden ist, zerbricht. 15 Und ein Gesang hebt an aus tausend Kehlen, und alle singen, die einen und die anderen auch, und singen laut, und niemand bleibt jetzt still. Und der Gesang ist klar zu unterscheiden, die einen singen jetzt vom Licht, die anderen sich selbst ins Grab, und der Gesang der einen wie der anderen dringt weit hinaus ins All, ist schneller als der fremde Astronaut: Er wird daheim nichts Neues mehr berichten. Die Nachricht von der Erde wird nur kurz sein, ach so kurz, und von nichts anderem wird sie berichten als schon der zweifache Gesang: Die Neue Zeit hat alle alten widerlegt, der "große Blaue" färbt sich violett im Morgenrot der Neuen Zeit... - 16 Doch im Moment steht alles still. Die Zeit, die Menschen, stehen wie gebannt. Und zwischen ihnen und zum letzten Mal gehen Gerüchte um, schleichen an Wänden entlang, tasten sich durch Straßen, finden keinen Schatten. Sacht und verheißungsvoll, kraftlos schon und doch verführerisch, dringen ein durch Auge und Ohr und können doch nicht lange bleiben. Die einen träumen jetzt, die anderen fürchten sich. Die Meinungen zerrinnen, Irrtümer fallen aus dem Nest in bodenlose Tiefen. Von Hoffnung ist die Rede und vom Sterben. Die Tage und die Nächte auch kommen und gehen wie früher die Minuten. Alle wissen, daß etwas geschieht, doch niemand weiß Genaues. Etwas geht jetzt auf, und etwas stirbt. So zerbricht die Welt, schlüpft aus. 17 Aus allen Winkeln tönt es jetzt, wird deutlich, bringt hervor. Stört und zerstört die letzten Nebel, strapaziert, wird zur Gewißheit. Was Ahnung war, wird Sicherheit, was hohl war, hebt sich auf. Menschen wie Schatten fallen zu Boden, stehen wieder auf, rücken eng zusammen. Zähne knirschen von Sand, Lippen werden spröde, brechen auf, die Fingerkuppen verändern unmerklich ihre Linienstruktur. Hoffnung färbt die einen blau, die anderen Fieber gelb. Zum allerletzten Mal gehen Gerüchte um. Planetarische Träume, tellurische Angst... - * * * * * * * * * * (C) 1971/1975/2001 by N.A. EICHLER Alle Rechte vorbehalten / All rights reserved Erstveröffentlichung: 1975 NEW AGE EDITION, München (90-Min.-Cassette & Textbuch, vorgetragen und vertont vom Autor) Quellenhinweis: Unter Verwendung von Begriffen und Montage von Sätzen aus der französischen Zeitschrift "PLANETE", deutsche Ausgaben 1-6/1968 (durch Versal-/Kursivschrift oder Anführungsstriche hervorgehoben) |